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Voltaire - ein Wanderer zwischen den Kulturen

Kann Voltaire als ein Kulturvermittler zwischen Frankreich und England aus der heutigen Sicht bezeichnet werden? In diesem Artikel wird versucht, Voltaires Position im interkulturellen Kontext zu ermitteln.

Si vous aviez été deux ans comme moy en Angleterre je suis sûr que vous auriez été si touché de l'énergie de cette langue que vous auriez composé quelque chose en anglais [...],

schreibt Voltaire 1733 in einem Brief an seinen Freund Brossette, so, als ob er sich für die in englischer Sprache verfasste Schriften rechtfertigen wollte. Dieses Zitat macht deutlich, dass die Englischkenntnisse, die Voltaire während seines Englandaufenthaltes erwirbt, für den Autor mehr als ein linguistisches Abenteuer darstellen. Die beschriebene Energie, die ihm die Sprache einflößt, hat vielmehr eine ideologische Dimension, sie ist all das, was er an England bewundert und schätzt: sie ist Ausdruck der politischen, sozialen und kulturellen Freiheit, die er später in seinen Lettres philosophiques beschreiben wird  (David Williams, "The Complete Works of Voltaire", Oxford, 1996, S. 147).
 

Voltaires Exil

Scheinbar ungewollt verlässt Voltaire im Frühjahr 1726 Paris Richtung Calais, um von dort auf die andere Seite des Kanals zu setzen (Marvin Carlson, "Voltaire and the theatre of the eighteenth century", Connecticut, 1998, S. 21). Auf diese Weise entkommt er einer erneuten Einkerkerung in der Bastille, die er sich durch einen Streit mit einem Mitglied der Pariser Adelsgesellschaft eingehandelt hat (Erich Köhler, "Aufklärung I-II", Stuttgart, 1984, S. 149}. Diese Flucht kommt dem 34-jährigen Autor gelegen, denn bereits mehrere Jahre zuvor spielte er mit dem Gedanken, England kennen zu lernen.

Sein Aufenthalt auf den britischen Inseln dauert über 2 Jahre, ein Zeitraum, der ihn sein ganzes Leben prägen wird, deshalb zieht Marvin Carlson in seiner Untersuchung einen Vergleich zwischen Voltaires Englandaufenthalt und Goethes Reise nach Italien. Für beide Autoren stellt diese Auslandserfahrung einen Angelpunkt in der persönlichen wie künstlerischen Entwicklung dar (Carlson, 1998, S. 21).

Die ersten Schritte auf dem englischen Boden

In England verkehrt Voltaire in den höchsten Gesellschaftskreisen in die er von seinem langwierigen Freund, dem Tory-Politiker Lord Bolingbroke, eingeführt wird (Williams, 1996, S. 131). Sein Ruhm als Dramatiker und Philosoph ist längst seiner Ankunft vorausgeeilt und so erwarteten viele Engländer mit großem Interesse die Ankunft des berühmt-berüchtigten Franzosen (Erich Köhler, 1984, S. 150).

In der Gesellschaft von Philosophen und Schriftstellern, wie Pope und Swift, beginnt Voltaire seine Sprachkenntnisse zu vertiefen, denn eines ist dem Denker klar: die englische Sprache ist das wichtigste Instrument, um die interkulturelle Grenze zu durchdringen. Unermüdlich arbeitet er an seinen Sprachkenntnissen, an der Aussprache, die ihm, wie er selbst im Vorwort zum Essay on epic poetry zugibt, nicht einfach fällt. Dafür liest er laut jeden Tag die Zeitschrift Spektator und besucht fast täglich die Londoner Theater (Williams, 1996, S. 142). Er lernt die Sprache schnell, was ihm erlaubt, endlich die bevorzugten Autoren Locke, Addison oder Shakespeare im Original zu lesen. Von Übersetzungen hält Voltaire sowieso nicht viel, denn seiner Meinung nach würden sie das Werk allzu sehr verfälschen, wie er in einem seiner Briefe ausführt (Williams, 1996, S. 169). Schon früh verfasst er in Englisch Briefe, gleichzeitig schreibt er kleine Notizen, die Theodore Besterman gesammelt und herausgegeben hat. Doch das reicht dem engagierten Autor bei Weitem nicht. Voltaire sieht sich vor allem als ein aufmerksamer Beobachter. Er will die Sitten und Gebräuche des geographisch so nahen und dennoch unbekannten Volkes erforschen, durchdringen, auch wenn er von ihnen zunächst eher überrascht als begeistert ist (Köhler, 1984, S. 152). Wie groß sein Elan beim Spracherwerb gewesen ist, zeugt die Tatsache, dass er bereits nach acht Monaten seines Aufenthaltes auf britischem Boden - sich der großen Herausforderung gänzlich bewusst - die ersten bedeutenden Werke in Englischer Sprache, den Essay on epic poetry und die Letters Concerning the English Nation schreibt.  

Letters Concerning the English Nation

Titel Letters Concerning the English NationUnter dem Titel Letters Concerning the English Nation erscheinen 1733  die Lettres philosophiques  zuerst in England, bevor Voltaire sie übersetzt und in Frankreich drucken lässt. In der Literatur ist man sich über das Entstehungsdatum dieses Werkes nicht einig. Manche vermuten, Voltaire habe bereits während seines Englandaufenthaltes mit dem Verfassen der Briefe angefangen und nicht erst nach seiner Rückkehr nach Frankreich. Die Tatsache, dass die Briefe zuerst auf Englisch erschienen sind, lässt jedoch auf den ersten Fall schließen. Wieso aber schreibt Voltaire in einer Fremdsprache? Diese Wahl wäre gerechtfertigt, wenn Voltaire seine Schrift an ein englischsprachiges Publikum gerichtet hätte. Wenn die Engländer Adressaten seines Werkes waren, warum übersetzt er es nur wenig Zeit später für sein Heimatpublikum? Jürgen von Stackelberg stellt die kühne Behauptung auf, dass Voltaire die Briefe - ähnlich wie die Notizen - lediglich zur Übungszwecken schrieb und sie seien auch als ein Übungsheft eines Englischschülers anzusehen. Daher seien die Briefe eigentlich ein an keines der beiden Völker explizit gerichtetes Werk, was angesicht der Bedeutung, die sie erlangt haben, eine nur schwer zu vertretende These ist (Jürgen von Stackelberg, "Über Voltaire", München 1998, S. 33).

Die Letters Concerning the English Nation sind kurze, aneinander gereihte Aufsätze in der Form eines Briefes. Thematisch behandeln sie neben den englischen Sekten, das Regierungssystem, die Denker und Philosophen wie Locke, Pope und Newton sowie das Theater. Dabei stellt Voltaire seinen neu gewonnenen Eindrücken und Kenntnissen über das Gastland die Zustände seines Landes quasi als Vergleichsfolie gegenüber.

Die Lettres philosophiques bieten der Leserschaft beider Länder eine bis dahin unbekannte, weil komparatistische Vorgehensweise dar. Sie ermöglicht Voltaire die Verdienste und die Missstände beider Länder deutlich herauszuarbeiten und zwar so, dass seine Gastgeber, wie auch seine Landsleute von seiner durchdringenden Analyse Profit ziehen können. In der Einführung zu Lettres philosophiques fasst Raymond Naves Voltaires Absicht treffend zusammen:

[...] son but n`est pas de substituer une civilisation, qui a ses défauts, à une autre civilisation, qui peut avoir ses qualités; toute admiration globale est fausse. Ce qu`il veut, c`est exercer le jugement de ses compatriotes, et peut-être aussi celui de ses hôtes préférés: ils ont sans doute beaucoup à apprendre les uns des autres, sans fausse honte, mais aussi sans snobisme aveugle. (Raymond Naves, "Lettres philosophiques ou Lettres anglaises", Paris, 1962, S. 3)

Naves spricht an dieser Stelle einen wesentlichen Aspekt an: den pädagogischen Charakter des Werkes. Der auf den verschiedenen Ebenen unternommene Vergleich, ermöglicht beiden Völkern voneinander zu lernen. Er impliziert, dass sich der Blick auf die andere Seite des Ärmelkanals auf jeden Fall lohnt. Im Gegensatz zur Stackelbergs Behauptung kann man also sagen, dass Voltaires Briefe nicht nur an beide Nationen gerichtet, sondern auch für beide von besonderem Interesse  sind. Mit ihrer Universalität stellen sie ein interkulturelles Bindeglied zwischen England und Frankreich.

Ein gleichermaßen großes Lernpotenzial für beide Nationen birgt Voltaires weiteres Werk, das auf englischem Boden entsteht, der Essay on epic poetry.

Essay on epic poetry

Ähnlich wie die  Letters Concerning the English Nation wird der Essay on epic poetry 1727 zunächst in England veröffentlicht. Zusammen mit dem Essay upon the civil wars of France stellt er einen Rahmen für den eigentlichen Text, La Henriade dar.

Die Konzeption dieses triadischen Werks lässt die Vermutung zu, dass es an das englische Publikum gerichtet war. Die beiden Essays, die den Vers-Epos  über Heinrich IV umschließen, bilden eine Art Wegweiser für die englischen Leser. So bietet der erste Teil den historischen Hintergrund, der zweite, wesentliche Teil ist La Henriade und der dritte Teil beschäftigt sich schließlich theoretisch mit der epischen Form. Entgegen dem Anschein behandelt Voltaire im Essay on epic poetry nicht nur die englische Erzählkunst, auch wenn der Fokus auf dem Milton-Kapitel liegt. Kritisch hinterfragt Voltaire die Gültigkeit  der europäischen Epiktradition über die strengen Grenzen des französischen Neoklassizismus hinaus, angefangen bei Homer, über Vergil, Lucan bis zu Tasso und dem neu entdeckten, portugiesischen Dichter Camões. Was den Essay jedoch vor allem ausmacht, ist seine Stellung als Zeugnis der Begegnung Voltaires mit der englischen Kultur, wie David Williams mit Recht betont:

In its overall ton and critical approach, however, in its underlying assumptions and philosophy, its internationalism, its relativism and, above all, in its attempt to go beyond the chaste frontiers of the French neoclassical aesthetic, the essay provides a telling early exposure of the essence of that remarkable Voltairean encounter with the English life, culture, society , and last but by no means least, with the English language. (Williams, 1996, S. 121)

Das Werk wird, unabhängig von der Henriade in Voltaires Heimat sehr schnell rezipiert. Verholfen dazu hat ihm die nicht autorisierte Übersetzung von Abbé Desfontaines, der sich schon früh als Miltons Kommentator hervorgetan hat und seine Rolle als Mittler zwischen den beiden Nationen ernst genommen hat (Williams, 1996, S. 261). Voltaire  reagiert empört über die Übersetzung, findet im Text oft Missverständnisse und grobe Fehler. Dennoch wartet er mit seiner Version ganze sechs Jahre (Williams, 1996, S. 168). Er gibt sich mit einer einfachen Übertragung des Werkes in seine Muttersprache, wie das der Fall mit den Lettres philosophiques war, nicht zufrieden. Obwohl der Französische Text  Essai sur la poésie épique den gleichen Aufbau aufweist wie seine englische Version, modifiziert Voltaire stark den ursprünglichen Text, so, dass sie heute als zwei unabhängige Werke ihre Geltung erlangt haben (Williams, 1996, S. 182).

Seine Beobachtungen während des Englandaufenthalts lassen ihn die feinen kulturellen Unterschiede beider Länder erkennen und feststellen, dass die englische Version unmöglich in seiner Heimat direkt übertragen werden kann, was er selbst in einem Brief anlässlich Desfontaines Übersetzung unterstreicht:

[...] that little pamphlet could not succeed in France without being dressed in quite an other manner. What j say of Milton cannot be understood by the french unless j give a fuller notion of that author. The stile besides is after the english fashion, so many similes, so many things which appear but easy and familar here, would seem to low to your wits of Paris. In short j know nothing so impertinent as to go about to translate me in spight of my teeth. (Williams, 1996, S. 168)

Voltaires Sensibilität hinsichtlich der Kontextabhängigkeit seines Werkes tritt aus diesem Zitat in aller Deutlichkeit hervor. Der in Englisch und für die englischen Leserschaft verfasste Essay wäre, seiner Meinung nach, in seiner Heimat missverstanden worden, könnte also nicht funktionieren, wie zum Beispiel die Abhandlung über Milton. Denn der Dichter Milton war bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Schrift Voltaires dem Pariser Publikum lediglich als Verfasser von politischen Pamphleten bekannt (Williams, 1996, S. 270). Auch Voltaires Stil, so typisch frei für das Lebensgefühl, das er an England so schätzt, würde nicht den Geschmack seiner heimatlichen Leser treffen. Er passt den Text also an, fügt neue, für seine Landsleute wesentliche Informationen zu, ihnen bekannte Details redigiert er weg, kurz, er macht ihn für sein Land rezeptionsfähig. Darüber hinaus situiert er den Text in die aktuelle Debatte zwischen den Anhängern der Moderne und den Traditionalisten, die die französischen Geister zu dieser Zeit stark beschäftigte (Williams, 1996, S. 187).

Voltaire - ein Kultur(ver)mittler?

Abschließend sollte Voltaires Rolle als Kultur(ver)mittler kurz geklärt werden. Die obigen Ausführungen vermitteln den Eindruck, Voltaire habe ein besonderes Ziel mit seiner Englandreise bzw. dem Exil vor Augen, nämlich die individuelle wie kollektive Annäherung an die Kultur des Gastgeberlandes. In seiner Begegnung mit der fremden Sprache, den Sitten und der Literatur manifestiert sich die Modernität und Fortschrittlichkeit seines Denkens, die bereits den großen Aufklärer ankündigt. Er erforscht, durchdringt, stets aus einer gewissen Distanz, mit kritischem Auge und immer mit gesundem Menschenverstand. Seine Bilingualität erlaubt ihm, sich dem Anderen auf eine intensive Weise zu nähern.

In der Literatur werden Voltaires Englischkenntnisse oft in Frage gestellt. Stackelberg will beweisen, dass Voltaires Englisch sehr schlecht gewesen sei (Stackelberg, 1998, S. 884), und Williams sucht nach Indizien, die aufzeigen könnten, dass Voltaires Texte von einem Native speaker Korrektur gelesen wurden (Williams, 1996, S. 149). Dabei ist es viel interessanter zu sehen, dass Voltaire diese Kenntnisse einsetzt - unabhängig davon, wie makellos sie waren - um die fremde Kultur zu erforschen. Üblich ist dieses Vorgehen zu Voltaires Zeit keineswegs. Im Advertisement to the reader, der als Vorwort zum Essay upon the civil wars of France fungiert,  belächelt Voltaire die Haltung seiner  Landsleute, wie den namentlich genannten M. Sorbieres, der nach einem längeren Englandaufenthalt kein Wort Englisch gesprochen hat. Voltaire möchte sich aber von dieser Haltung distanzieren, wofür seine Schriften Beweis genug sind (Williams, 1996, S. 5).

So bieten die beiden Werke Lettres philosophiques und Essai sur la poésie épique ein gutes Beispiel nicht nur dafür, dass Voltaire sehr schnell sich der Englischen Sprache bedienen konnte, sondern dass er sich mit aller Kraft bemüht hat, die (Ver)mittlerrolle zwischen den beiden Nationen zu übernehmen. Beide Werke eröffnen beiden Nationen in gleichem Maße die Möglichkeit, Voltaires Erfahrungen fruchtbar zu nutzen.

Ewa Mayer (Universität Hamburg) 

 

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